Herzlich willkommen in Bernburg an der Saale

Herzlich willkommen in Bernburg an der Saale

Das Flüchtlingslager in Bernburg ist nur ein Beispiel, welches die allgemeinen Lebensbedingungen von Flüchtlingen widerspiegelt.
Der von der AWO betriebene Plattenbau befindet sich am Rand der Stadt und ist Teil des Industriegebietes. Das Eingangstor ist mit einem AWO-Herzaufkleber dekoriert. Etagenküchen, Gruppentoiletten und -duschen, begrenzte Waschzeiten, Zimmerdurchsuchungen und Eigentumskontrollen definieren den Alltag.

200 Menschen müssen dort leben und werden in die 5 Stockwerke nach ihren Nationalitäten sortiert. Das Zusammenleben extrem unterschiedlicher Kulturen (Sprache, Bräuche, Wertvorstellungen) erschwert ein Miteinander. Dies führt zu Konflikten und (z.T. gewalttätigen) Auseinandersetzungen. Zudem haben Menschen ganz unterschiedliche Bedürfnisse und Lebensrhythmen, die auf engstem Raum zusammenkommen. Privatsphäre ein völliges Fremdwort.

Die einzige Spiel- und Freizeitmöglichkeiten für die vielen Kinder und Jugendlichen bestehen aus einem kleinen Klettergerüst auf einem zu großen Teilen betonierten Hof.
Viele Personen sind aufgrund ihrer früheren Lebenssituation (Verfolgung, Krieg, Armut, Gewalt, Folter, Flucht) psychisch stark belastet. Dazu kommen ein unsicherer Aufenthaltsstatus, die gesellschaftliche Isolation und Diskriminierung/Pöbeleien/Angriffe, sowie Willkür der Behörden und der Heimleitung, denen die Betroffenen oft ohnmächtig gegenüberstehen.
Die Benutzung einer Mikrowelle beispielsweise wurde nicht erlaubt, da diese, laut der Heimleiterin Luckau, zu viel Strom verbrauchen würde. Auch wurde berichtet, dass Frau Luckau an die Tür der Dusche klopft, wenn jemand für ihr Empfinden „zu lange“ duscht.
Ab 22 Uhr werden teilweise Strom und warmes Wasser abgestellt. Hinweise in den gemeinsam genutzten Räumen wie Waschräume und Toiletten werden grundsätzlich nur auf deutsch ausgehängt.
Ein 20 qm enges Zimmer steht einer vierköpfigen Familie zu. Nachdem ein Baby in diese Familie geboren wurde, wird dieses Zimmer für fünf Leute zugelassen.
„Alleinreisende“ Personen teilen sich ähnlich große Zimmer mit vier bis fünf unbekannten Menschen, oft Jahre lang.
Eine gemeinsame Sprache zu erlernen (Deutsch) wird nur Personen mit einem bestimmten Aufenthaltstitel gewährt, und kostet außerdem Geld. Neben diesem „Integration“skurs gibt es in Bernburg keinen anderen Sprachkurs. Menschen die die deutsche Sprache erlernen wollen, müssen in andere Städte ausweichen. Bei einem monatlichen Sozialgeld zwischen 150 und 200€, fallen die benötigten Bahntickets stark ins Gewicht. Dies gilt ebenfalls für medizinische Versorgung, im speziellen für Psychotherapien und Beratungsstellen.

„Integration fördern und fordern“ (Motto der St.Johannis GmbH)

Unabhängige Beratungsstellen sind in Bernburg nicht vorhanden. Die St.Johannis GmbH, eine „gemeinnützige Gesellschaft für soziale Dienstleistungen“, wird vom Land Sachsen-Anhalt bezahlt und arbeitet mit der Ausländerbehörde zusammen. Zu ihren Aufgaben zählt es z.B. Flüchtlinge über ihre „Rechte und Pflichten“ aufzuklären und „Informationen weiterzugeben“, womit der Informationsfluss Richtung Ausländerbehörde gemeint sein dürfte. Ebenfalls unklar ist es, wie Flüchtlinge (besonders wenn sie erst kurze Zeit hier sind) beraten werden sollen, da es so gut wie keine Dolmetscher gibt, die nach Aussage der Sozialarbeiterin Dix „Geld kosten“.
Sie darf Flüchtlinge, ihren eigenen Angabe zufolge, angeblich nicht im Lager beraten, allerdings kommt sie wöchentlich zum Kaffee ins Büro der Heimleitung. Als Leute sich Hilfe suchend dorthin wandten, da sie sich durch einen Mann mit Messer bedroht fühlten, schritten weder die Heimleiterin noch Frau Dix deeskalierend ein.

„Über 20 Jahre Erfahrung“ (Motto der „Putzbären“)

Alle vier Wochen wird das gesamte Gebäude von 9.30 bis 15 Uhr evakuiert, um es durch eine Gebäudereinigungsfirma („Die Putzbären“) mit Insektenbekämpfungsmittel ausspritzen zu lassen.
Perma- Soft, ein Mittel der Firma Delicia aus Delitzsch enthält Esbiothrin und Piperonylbutoxid (im Folgenden Pbo), zwei umweltgefährdende Gifte.
Laut einer von Greenpeace im Jahre 2010 veröffentlichten Schwarzen Liste ist das Nervengift Esbiothrin vom Gebrauch ausgeschlossen (Nr.299, Stand 15.1. 2010). Es ist sehr giftig für Wasser (-organismen) und gesundheitsschädlich beim Einatmen und Verschlucken (R20/22-50/53).
Pbo wird von den deutschen Zulassungsbehörden nicht als Wirkstoff in der Liste der zugelassenen Pflanzenschutzmittel aufgeführt.
„Wegen der möglichen gesundheitlichen Nebenwirkungen muss von der Verwendung pyrothroidhaltiger Insektenbekämpfungsmittel in Innenräumen dringend abgeraten werden.“ (Schadstoffberatung Tübingen).
Pbo ist ebenfalls giftig beim Einatmen und sehr giftig für Wasser und dessen Organismen.
Laut einem Mitarbeiter der Firma Delicia werden pro Jahr nur etwa 20- 25 Kanister dieses Mittels verkauft. Die Stoffe eignen sich nach Aussage des Mitarbeiters nicht für Wohnungen, da die Räumlichkeiten, in denen u.a. Kinder und Säuglinge leben, nach dem Gebrauch mit Hochdruck gereinigt werden müssten.
Es stellt sich die Frage, wieso ein derart giftiges Mittel eingesetzt wird, zumal der einzige „Warn“hinweis gegenüber den Bewohner_Innen lautet, Geschirr und Essen abzudecken.

Abschiebung nach Serbien, Mai 2011

Im Folgenden die Erfahrungen einer gemeinsam mit ihrer Familie abgeschobenen Frau: „Ein Uhr nachts kamen ungefähr zehn Polizisten, die uns 20 Minuten Zeit gaben, unsere Sachen zu packen. Ich versuchte zu schreien, damit andere kommen und uns helfen, die Sachen zu packen. Frau Luckau hielt mir den Mund zu. Sie schrie und verbot den Menschen aus ihren Zimmern zu kommen. Am Freitag und Dienstag darauf hätten wir 100 und 15o€ erhalten sollen. Stattdessen gab uns Frau Luckau 20€, da wir kein Geld hatten.“

Solidaritaet statt Integration!
Gegen Lagerisolation und menschenunwuerdige Behandlung von MigrantInnen!
Keine Lager nirgendwo, Bewegungsfreiheit fuer alle Menschen!
Die Arbeiter“WOhlfahrt“ zur Rechenschaft ziehen!

Interview mit einem Mann aus Nigeria, welcher 2 Jahre im Heim in Bernburg leben musste

Das Heim scheint eine alte Armeebaracke zu sein, einige Kilometer weg vom Stadtzentrum. Männer, Frauen und Kinder unterschiedlicher Nationalitäten leben dort. In der ersten Etage sind Leute aus dem Niger, Gambia, Nigeria und dem Senegal. Jede Person hat 4 qm zum Leben. Es mussten auch schon sechs Leute in einem Raum leben. Die Ausstattung ist spärlich, es gibt nicht mehr als zwei Doppelstockbetten, Schränke, einen Tisch und zwei Stühle. Einige Räume sind nicht größer als Gefängniszellen.
Die Toiletten sind oft verdreckt, das Wasser zum Waschen ist unhygienisch. Manche bekommen nach dem Duschen Ausschläge auf der Haut.
In allen Räumen gibt es Kakerlaken. In der Küche kann man sein Essen nicht offen stehen lassen.
Die Menschen klagen über Atemprobleme, wenn sie lange in den Räumen sind, besonders nach dem Aufstehen. Das Gebäude ist in sich selbst zu alt. Im Winter leiden die Leute. Die Betten sind zu alt, die Matratzen hart. Die Bettbezüge werden alle zwei Wochen gewechselt.

Der Entwurf der deutschen Asylpolitik ist die erzwungene Gewohnheit, zu essen und zu schlafen.

Jeder Mensch hat das Recht auf eine eigene Privatsphäre, aber im Heim ist es nicht möglich.
Unsere Post wird an der Rezeption empfangen. Die Post geht vom Hausmeister zur Sozialarbeiterin und dann zu uns. Alle sehen, welche Art Briefe wir bekommen und von wem die Briefe sind.
Sie wissen alles über uns. Z.B. müssen wir um Erlaubnis fragen, um jemanden in einer anderen Stadt besuchen zu können. Sie wollen die Adresse der Person und den Zeitpunkt. Daran sehen wir, das die Sozialarbeiterin alles wissen will. Wenn du die Erlaubnis vergisst und von der Polizei kontrolliert wirst, schicken sie dich mit einer Anzeige zurueck oder sie bringen dich ins Gefängnis.
Das zeigt, dass das Heim ein offenes Gefängnis ist, in dem viele von uns viele Jahre leben muessen, vom Rest der Gesellschaft isoliert.

Die Ausländerbehörde in Bernburg belästigt uns. Einige Leute müssen jede Woche mehrere Kilometer dorthin gehen, um ihre neue Duldung abzuholen. Die Mitarbeiter der Ausländerbehörde drohen uns immer mit Abschiebung und Geldkürzungen.
Auch haben wir keine Chance auf eine Ausbildung, solange wir im Heim wohnen.
Keine Job, nichts zu tun, Tag für Tag. Auf der anderen Seite bekommen wir als Flüchtlinge 150 € pro Monat und einige bekommen Gutscheine für Essen. Das ist hart und diskriminierend.

Bernburg ist dabei uns zu zerstören, Tag für Tag. Die Leute sind müde von all dem und wir können nichts tun, wir haben keine Rechte.